Frühlingszwiebel und Ingwer: ein Sud aus dem alten China für den ersten kühlen Abend.
⚗️ Der Alchemist vom Berg Luofu
Der Mann hieß Gě Hóng und lebte im vierten Jahrhundert. Er war Gelehrter und Daoist, und er beschäftigte sich sein Leben lang mit der Frage, wie ein Mensch unsterblich werden kann. Dafür studierte er die Alchemie und bereitete Elixiere aus Mineralien wie dem Zinnober.
Als er im Alter hörte, dass im fernen Süden des Reiches Zinnober zu finden war, bat er den Kaiser um ein kleines Amt in dieser abgelegenen Gegend. Der Kaiser hielt das Amt für zu gering, doch Gě Hóng antwortete ihm, es gehe ihm nicht um die Ehre, sondern um den Zinnober.
So zog er in den Süden, blieb auf dem Weg dorthin in Guangzhou und ließ sich schließlich auf dem Berg Luofu nieder, um dort seine Elixiere zu bereiten.
Neben seinen Schriften über die Alchemie stellte Gě Hóng auch ein kleines Buch mit Rezepten für den Notfall zusammen. Aus einem eigenen, großen Werk von hundert Bänden nahm er dafür nur das heraus, was sich rasch anwenden ließ und wofür man die Zutaten leicht bekam.
Der Titel Zhǒuhòu Bèijí Fāng meint ein Buch, das man griffbereit am Ellbogen bei sich trägt.
Wie wertvoll dieses kleine Buch war, zeigte sich erst sechzehnhundert Jahre später. Die chinesische Forscherin Tu Youyou fand darin den entscheidenden Hinweis für ein neues Mittel gegen Malaria und erhielt dafür im Jahr 2015 den Nobelpreis für Medizin.
Im selben Buch steht auch ein Sud aus Frühlingszwiebeln und fermentierten schwarzen Bohnen. Er ist für die ersten ein oder zwei Tage gedacht, wenn die Kälte in den Körper gefahren ist und der Kopf zu schmerzen beginnt, und man soll ihn auf einmal austrinken, damit Schweiß kommt.
In chinesischen Familien kocht man heute meist eine noch einfachere Fassung, die nur aus Frühlingszwiebel und frischem Ingwer besteht. Gedacht ist sie für einen ganz bestimmten Abend.
🌬️ Warum der erste Abend zählt
Vielleicht kennst du diesen Abend. Du kommst aus dem Wind nach Hause, und obwohl die Wohnung warm ist, läuft dir ein Schauer über den Rücken.
Du fröstelst, ohne zu schwitzen, der Nacken ist verspannt, die Nase läuft klar, und am liebsten würdest du dich mit etwas Heißem unter eine Decke legen.
Nach der chinesischen Medizin sitzt die Kälte in diesem Moment noch ganz außen. Wind und Kälte dringen nicht sofort tief in den Körper ein, sondern treffen zuerst auf die schützende Schicht zwischen Haut und Muskeln, die Wèi Qì heißt.
Wie dieser Schutzmantel aufgebaut ist, haben wir im Beitrag Iniziare l'autunno nel modo giusto beschrieben.
Die Kälte zieht die Oberfläche zusammen, und die Poren bleiben geschlossen. Für diesen Zustand gibt das Huángdì Nèijīng, das älteste Lehrbuch der chinesischen Medizin, einen knappen Rat: Was in der Haut sitzt, soll man über den Schweiß lösen.
Genau dafür ist dieser Sud gedacht. Frühlingszwiebel und Ingwer gelten in der chinesischen Ernährungslehre als scharf und wärmend, und beide werden der Lunge zugeordnet, die über Haut und Poren herrscht.
Ihre Schärfe öffnet die Oberfläche ein wenig, ein leichter Schweiß kommt, und nach dieser Vorstellung verlässt die Kälte den Körper auf demselben Weg, auf dem sie gekommen ist.
Wir sagen immer dass Ingwer in den Morgen gehört, weil er die Wärme nach außen treibt, während sie am Abend nach innen gehen soll.
An diesem einen Abend ist das anders, denn die Kälte sitzt außen, und genau dorthin soll die Wärme gehen. Der Sud ist deshalb kein Getränk für jeden Tag, sondern für den Abend, an dem es dich fröstelt.
Wer im August das Rezept für die Zuppa di pere e datteri bekommen hat, kennt schon die andere Seite des Herbstes. Die Birne befeuchtet, wenn der Hals trocken ist und die Haut spannt, und sie gehört wie Mandel und Rettich zur weißen Küche des Herbstes.
Die Frühlingszwiebel hat eine andere Aufgabe, denn sie wärmt und öffnet, wenn die Kälte an die Oberfläche kommt.
ℹ️ Hinweis: Wenn die chinesische Medizin von der Lunge oder der Mitte spricht, meint sie energetische Circuiti funzionali und nicht die anatomischen Organe. Auch das Wèi Qì ist eine Vorstellung dieser Tradition und keine anatomische Struktur.
📋 La ricetta
Zutaten für eine große Tasse
- 🧅 das Weiße von fünf bis sieben Frühlingszwiebeln, am besten mit den Wurzelbärtchen
- 🌿 ein daumengroßes Stück frischer Ingwer, das ergibt etwa fünf dünne Scheiben
- 💧 500 ml Wasser
- ✨ nach Belieben ein Teelöffel brauner Zucker
Zubereitung
- 🚿 Wasche die Frühlingszwiebeln gründlich, vor allem an den Wurzeln, denn dort sitzt oft noch Erde. Schneide das Grüne ab und leg es beiseite.
- 🔪 Schneide das Weiße samt den Wurzelbärtchen in fingerlange Stücke und drücke es mit der flachen Messerklinge leicht an, damit das Aroma austreten kann. Den Ingwer schneidest du in dünne Scheiben.
- 🔥 Bring das Wasser mit dem Ingwer zum Kochen und lass es fünf Minuten köcheln.
- ⏳ Gib das Weiße der Frühlingszwiebeln dazu, leg den Deckel auf und lass alles nur noch zwei bis drei Minuten köcheln. Länger sollte es nicht kochen, weil die scharfen Aromen sonst mit dem Dampf verfliegen.
- 🍵 Nimm den Topf vom Herd, rühr den Zucker ein, gieß den Sud durch ein Sieb in eine Tasse und trink ihn so heiß, wie es dir angenehm ist.
Das Grüne der Frühlingszwiebeln brauchst du für diesen Sud nicht. Fein geschnitten passt es am nächsten Tag in eine Brühe oder über ein Rührei.
🛌 So trinkt man ihn in China
Nach der Überlieferung braucht der Sud danach noch etwas Zeit. Trink die Tasse heiß und in Ruhe, zieh warme Socken an und leg dich für eine halbe Stunde unter eine Decke.
Das Ziel ist ein leichter Schweiß. Schon um das Jahr 200 schrieb der berühmte Arzt Zhāng Zhòngjǐng, der ganze Körper solle dabei nur fein feucht werden und der Schweiß dürfe nicht wie Wasser herunterrinnen. Mehr Schweiß bringt also nicht mehr, sondern kostet den Körper Kraft.
Wenn die Haut feucht geworden ist, trockne dich ab und zieh ein frisches, trockenes Oberteil an. Geh an diesem Abend nicht mehr hinaus in den Wind und dusche nicht kalt, denn die Poren sind jetzt offen.
Wenn das Frösteln noch nicht nachgelassen hat, kannst du den Sud am selben Abend ein zweites Mal kochen. Hat sich nach zwei Tagen nichts verändert oder kommen neue Beschwerden dazu, ist dieser Sud nicht mehr das Richtige.
🍚 Wenn es mehr sein soll: der Brei der Unsterblichen
Aus dem Sud lässt sich mit wenig Aufwand eine kleine Mahlzeit machen, und ihr Name hätte Gě Hóng gefallen. In China heißt sie Shénxiān Zhōu, der Brei der Unsterblichen.
Zutaten
- 🍚 etwa 50 g Klebreis oder Rundkornreis
- 💧 ein halber Liter Wasser
- 🌿 fünf Scheiben frischer Ingwer
- 🧅 das Weiße von sieben Frühlingszwiebeln
- 🥄 zwei Esslöffel milder Reisessig
Zubereitung
Koche den Reis im Wasser weich, was rund 30 Minuten dauert. Dann kommen Ingwer und Frühlingszwiebeln für fünf Minuten dazu. Zum Schluss rührst du den Essig ein. Ein halber Becher, ist den meisten zu sauer, deshalb reichen für den Anfang zwei Esslöffel.
Der Reis stärkt nach der chinesischen Ernährungslehre die Mitte, damit der Körper für den Schweiß genug Nachschub hat. Den Essig erklärt man in China so, dass er mit seinem sauren Geschmack zusammenhält, was die Schärfe öffnet, und das Schwitzen dadurch nicht zu weit geht.
⚠️ Wann du vorsichtig sein solltest
Dieser Sud ist ein überliefertes Hausrezept aus der chinesischen Küche und keine Behandlung. Er ersetzt keine ärztliche Abklärung.
- Wenn der Hals brennt, du Fieber hast, der Schleim gelb oder dick ist oder du ohnehin schwitzt, passt der Sud nicht, denn dann geht es nicht mehr um die Kälte an der Oberfläche.
- Wenn du leicht ins Schwitzen kommst oder nachts schwitzt, lass ihn weg, denn er soll ja gerade den Schweiß anregen.
- Bei Sodbrennen oder einem empfindlichen Magen nimm weniger Ingwer und beim Brei keinen Essig.
- Wenn du blutverdünnende Medikamente nimmst, besprich größere Mengen Ingwer vorher mit deinem Arzt.
- Bei Diabetes lass den Zucker weg und bedenke, dass Klebreis den Blutzucker schnell ansteigen lässt.
- Bei Erkrankungen und in der Schwangerschaft sprich vorher mit deinem Arzt oder deiner Hebamme.
- Wenn du dich beim Trinken oder danach unwohl fühlst, hör auf. Bei hohem Fieber, Atemnot oder Beschwerden, die länger als eine Woche dauern, lass dich bitte ärztlich untersuchen.
💡 Damit die Zutaten da sind, wenn der Abend kommt
Ein Rezept für den ersten Moment hilft nur, wenn die Zutaten schon im Haus sind.
🧅 Frühlingszwiebeln bleiben gut eine Woche frisch, wenn du sie aufrecht in ein hohes Glas mit zwei bis drei Zentimetern Wasser stellst, einen Gefrierbeutel locker darüberstülpst und das Glas in den Kühlschrank stellst. Das Wasser wechselst du alle drei Tage.
🌿 Frischen Ingwer kannst du gewaschen und gut abgetrocknet im Gefrierbeutel einfrieren, dann hält er sich mehrere Monate. Gefroren lässt er sich mit einer feinen Reibe mühelos reiben. Für diesen Sud ist es noch praktischer, den Ingwer schon vor dem Einfrieren in dünne Scheiben zu schneiden, denn dann kommen die gefrorenen Scheiben direkt ins Wasser.
Zum Schluss
Nach der Chronik der Jin–Dynastie starb Gě Hóng mit 81 Jahren auf dem Berg Luofu. Sein Gesicht soll ausgesehen haben wie das eines Lebenden, und als man ihn in den Sarg hob, war sein Körper so leicht wie leere Kleider.
Die Menschen seiner Zeit glaubten deshalb, er habe seinen Körper abgestreift und sei zu den Unsterblichen gegangen. So die Legende.
Stell dir am Wochenende ein Bund Frühlingszwiebeln ins Wasserglas und leg ein paar Ingwerscheiben ins Gefrierfach, dann ist der Sud des alten Alchemisten bereit, wenn du ihn an einem windigen Abend brauchst.
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Wenn der schädliche Wind kommt, ist er schnell wie Sturm und Regen.
Darum beginnt, wer gut behandelt, an Haut und Haar.
— Huángdì Nèijīng, Sù Wèn, Kapitel 5










