Halte das Leben wie einen Pinsel:
fest genug, dass er dir nicht ENTGLEITET,
und leicht genug, dass die Tusche FLIESSEN kann.
Solange es um nichts geht, findest du mühelos die richtigen Worte. Du erzählst einer Freundin von deinem Tag oder erklärst einem Fremden den Weg zum Bahnhof, und alles geht dir leicht von der Hand.
Doch dann sitzt du in einem Gespräch, von dem viel abhängt.
Die Schultern sind verspannt und hochgezogen, die Stimme wird enger und die Hände werden feucht. Plötzlich sind die Worte weg, die dir eben noch zur Verfügung standen. Hinterher weißt du genau, was du hättest sagen wollen.
Dein Können war vorher dasselbe wie in diesem Moment, verändert hat sich nur, wie viel davon abhing.
🏹 Die Geschichte von den drei Bogenschützen
Im Zhuangzi, einem der Grundtexte des Daoismus, steht eine kurze Geschichte über einen Wettkampf im Bogenschießen.
Geht es dabei nur um ein paar Tonscherben, dann schießt der Schütze geschickt und trifft. Geht es um eine kostbare Gürtelschnalle, dann wird er unsicher und zweifelt an seinem Ziel. Und geht es um echtes Gold, dann wird er so nervös, dass er kaum noch klar denken kann.
Der Schütze ist in allen drei Fällen derselbe Mensch mit demselben Bogen und derselben Übung. Das Zhuangzi erklärt den Unterschied in einem einzigen Satz: Wer dem Äußeren zu viel Gewicht gibt, wird innen unbeholfen.
⏱️ Warum heute so vieles nach Gold aussieht
Früher gab es im Leben viele Tonscherben und nur hin und wieder Gold. Heute scheint beinahe alles Gold zu sein.
Eine Nachricht verlangt eine schnelle Antwort, weil der andere sieht, dass du sie gelesen hast. Die Arbeit wird in Zahlen gemessen, der Schlaf in Punkten und der Spaziergang in Schritten. Und auf dem Handy zeigt dir den ganzen Tag jemand, dass andere schneller, schöner und erfolgreicher sind.
So schießen wir vom Morgen bis zum Abend um Gold, auch bei Dingen, die eigentlich Tonscherben wären. Im Herbst, wenn die Tage kürzer werden und bis zum Jahresende noch so vieles erledigt sein will, spüren das viele besonders deutlich.
Die Folge kennen die meisten von uns: Man ist am Abend erschöpft, obwohl man nicht mehr getan hat als früher, und man macht Fehler, gerade weil man keine machen will.
🍃 Was die chinesische Medizin darin erkennt
Die chinesische Medizin ist auf demselben Boden gewachsen wie das Denken von Laozi und Zhuangzi.
Auch in ihr soll das Qi frei fließen und nicht gedrängt werden. Die Aufgabe, für diesen freien Fluss zu sorgen, wird der Fegato zugeschrieben, die in den fünf Wandlungsphasen zum Holz gehört. Sie gilt als der Funktionskreis, der besonders empfindlich auf anhaltenden Druck reagiert.
In der chinesischen Medizin heißt es, die Leber liebe es, sich frei zu entfalten, und vertrage keinen Zwang.
Wer sich selbst ständig antreibt und Dinge erzwingen will, bringt sein Qi ins Stocken. Weil die Leber nach dieser Lehre auch die Sehnen versorgt, zeigt sich der Stau zuerst als Spannung im Körper und bald darauf als Gereiztheit im Gemüt. Die chinesische Medizin nennt diesen Zustand Leber–Qi–Stagnation.
ℹ️ Nota: Wenn in der chinesischen Medizin von Leber, Milz oder Lunge die Rede ist, sind damit energetische Funktionskreise gemeint und nicht die anatomischen Organe.
🔎 Woran du merkst, dass du um Gold schießt
Der Körper zeigt es meistens früher an, als der Kopf es zugibt.
Die Kiefermuskulatur ist verspannt, und oft fällt dir erst am Abend auf, dass du die Zähne stundenlang aufeinandergepresst hast.
Die Schultern sind verspannt und hochgezogen, der Atem ist flach, und zwischendurch entfährt dir ein tiefer Seufzer, ohne dass du weißt, warum.
Dazu kommt das Gefühl, alles sofort erledigen und jedes Ergebnis erzwingen zu müssen. Du schaust zum dritten Mal nach, ob schon eine Antwort gekommen ist, bei Dingen, die du sonst im Schlaf beherrschst, passieren dir kleine Fehler, und die Gereiztheit kommt schneller hoch als sonst.
Das häufige Seufzen und die Gereiztheit gelten in der chinesischen Medizin als typische Zeichen dafür, dass das Qi del fegato nicht mehr frei fließt.
🔬 Was Forscher an Pianisten und Golfspielern gemessen haben
Sobald eine Sache wichtig wird, übernimmt der Sistema nervoso simpatico die Führung. Dieser Teil des Nervensystems stellt den Körper auf Leistung ein: Das Herz schlägt schneller, die Hände schwitzen und die Muskulatur spannt sich an. Für einen Sprint ist das nützlich, für eine feine Bewegung ist es hinderlich.
Japanische Forscher haben das an achtzehn geübten Pianisten gemessen, die einmal in einer Probe und einmal unter Wettbewerbsbedingungen spielten.
Im Wettbewerb stiegen Puls und Schweißbildung deutlich an, die Muskeln in Oberarm und Schulter arbeiteten stärker, und im Unterarm spannten sich die Muskeln, die die Finger beugen, gleichzeitig mit denen an, die sie strecken.
Die Muskeln arbeiteten also gegeneinander, und für dieselbe Aufgabe brauchte der Körper mehr Kraft als in der Probe.
Die amerikanische Psychologin Sian Beilock hat untersucht, was der Kopf unter Druck mit einer geübten Bewegung macht.
Sie ließ in mehreren Versuchen Anfänger und erfahrene Golfspieler auf dem Grün einlochen. Die Anfänger trafen besser, wenn sie sich Zeit ließen und genau auf ihre Bewegung achteten.
Bei den erfahrenen Spielern war es umgekehrt. Sie trafen besser, wenn sie so schnell wie möglich schlagen sollten oder nebenbei mit einer anderen Aufgabe beschäftigt waren, und schlechter, sobald sie ihren Schlag bewusst überwachen sollten.
Die Erklärung dafür ist einleuchtend. Was wir gut können, steuert das Gehirn über eingeübte, automatische Abläufe.
Sobald sich der bewusste Verstand einmischt, weil viel auf dem Spiel steht, zerlegt er diese Abläufe wieder in einzelne Schritte, und die Bewegung verliert ihren Fluss. In der Psychologie heißt dieses Phänomen Versagen unter Druck, auf Englisch „Choking under Pressure“.
Mit der Ruhe verhält es sich übrigens ähnlich, denn auch sie lässt sich nicht auf Kommando herstellen.
☯️ Was Wu Wei wirklich bedeutet
Wu Wei (無為) wird meistens mit „Nicht–Handeln“ übersetzt, und genau deshalb wird es so oft missverstanden. Gemeint ist nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Gemeint ist ein Handeln, das ohne Zwang geschieht und sich nicht am Ergebnis festkrallt.
Der Schütze, der um Tonscherben schießt, tut nämlich nicht weniger als der andere.
Er spannt den Bogen genauso und zielt genauso, aber nichts in ihm arbeitet gegen seine eigene Hand. Mit Faulheit hat das nichts zu tun, und gerade bei guten Vorsätzen zeigt sich, wie viel leichter Veränderung gelingt, wenn man sie nicht erzwingt.
Wer schon einmal ganz in einer Tätigkeit aufgegangen ist, kennt Wu Wei aus eigener Erfahrung. Beim Kochen, beim Gärtnern oder beim Musizieren gibt es diese Momente, in denen die Arbeit wie von selbst geschieht und die Zeit vergeht, ohne dass man es merkt.
Wu Wei bedeutet also nicht, dass dir eine Sache gleichgültig wird. Du bleibst dran, du nimmst sie ernst und du tust, was zu tun ist.
Nur versuchst du nicht mehr, das Ergebnis mit Gewalt herbeizuführen, sondern lässt ihm die Zeit und den Raum, die es braucht.
🎯 So nimmst du im Alltag den Druck aus der Hand
1. Frag dich, worum du gerade schießt. Wenn du eines dieser Zeichen an dir bemerkst, dann halte kurz inne und frag dich, ob diese Sache wirklich Gold ist. Meistens ist es eine Gürtelschnalle und oft nur eine Tonscherbe. Schon diese eine Frage gibt der Sache ihr richtiges Gewicht zurück.
2. Richte den Blick auf das Ziel und nicht auf dich selbst. In der Sportwissenschaft ist gut untersucht, dass Bewegungen genauer werden, wenn die Aufmerksamkeit beim Ziel liegt und nicht beim eigenen Körper. Im Alltag bedeutet das, dass du in einem wichtigen Gespräch an das denkst, was der andere verstehen soll, und nicht daran, wie du gerade wirkst.
3. Lass liegen, was sich heute nicht erzwingen lässt. Wenn eine Sache trotz aller Mühe nicht gelingen will, dann hör auf, weiter zu drücken, und lass sie über Nacht liegen. Am nächsten Morgen löst sich oft wie von selbst, was du am Abend mit aller Kraft erzwingen wolltest.
4. Tu jeden Tag eine Sache, bei der nichts herauskommen muss. Geh ohne Schrittzähler spazieren, gieß in Ruhe die Pflanzen oder koch langsam eine Suppe. Solche Tätigkeiten erinnern deinen Körper daran, wie sich Tun ohne Einsatz anfühlt. Warum sich festgefahrene Gedanken gerade im Gehen lösen, haben wir im August beschrieben.
5. Gönn dir eine Mahlzeit ohne Bildschirm. Wer unter Druck steht, isst oft nebenbei am Schreibtisch oder lässt die Mahlzeit ganz ausfallen. Setz dich wenigstens einmal am Tag ohne Handy an den Tisch und iss warm und in Ruhe. In der chinesischen Ernährungslehre werden leicht scharfe und aromatische Lebensmittel wie Radieschen, Rettich, Kresse oder eine Prise Kardamom geschätzt, weil sie das Leber–Qi in Bewegung halten.
📍 Die Übung: Der Bogenschütze, der nie einen Pfeil abschießt
Unter den Acht Brokaten (Bā Duàn Jǐn), einer der bekanntesten Qi Gong Folgen, die seit dem 12. Jahrhundert schriftlich überliefert ist, gibt es eine Figur mit dem Namen „Links und rechts den Bogen spannen, als wolle man einen Adler schießen“.
L'arciere in dieser Übung hat keinen Pfeil, und es gibt nichts, was er gewinnen könnte. Genau deshalb kann er lernen, den Bogen mit gelöster Kraft zu spannen.
Die Qi Gong Lehrer nennen diese Haltung Sōng (鬆), was so viel bedeutet wie gelöst, aber nicht schlaff. In der Überlieferung wird der Figur außerdem zugeschrieben, dass sie den Brustkorb weitet und die Polmone anspricht, den Funktionskreis des Herbstes.
- Stell dich mit gut schulterbreit geöffneten Füßen hin und beuge die Knie ein wenig, als würdest du auf einem Pferd sitzen.
- Kreuze die Handgelenke locker vor der Brust.
- Schieb den linken Arm langsam zur Seite, bis er fast gestreckt ist. Der Zeigefinger zeigt nach oben, der Daumen ist abgespreizt.
- Zieh gleichzeitig die rechte Hand, zu einer lockeren Faust geschlossen, vor der Brust nach rechts, als würdest du eine Sehne spannen.
- Folge mit dem Blick dem linken Zeigefinger in die Weite.
- Löse die Spannung, richte dich ein wenig auf und führe die Hände zurück vor die Brust. Dann wechselst du die Seite.
Übe drei bis sechs Mal auf jeder Seite und atme dabei ruhig und natürlich. Spann den Bogen nur so weit, wie es ohne Zittern geht. Wenn du merkst, dass sich dein Gesicht verzieht oder die Schultern nach oben wandern, dann nimm etwas Kraft heraus.
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Am Montag, 26. Oktober, um 18 Uhr nimmt dich Wolfgang live mit auf die Herbst–Reise: „Der Dickdarm–Meridian — Ausleiten im Herbst“. Aufnehmen kann nur, wer vorher abgegeben hat.
💫 Per concludere
Wu Wei verlangt nicht, dass dir nichts mehr wichtig ist. Es verlangt nur, dass du einer Sache nicht mehr Gewicht gibst, als sie tragen muss. Die Hand, die dann den Bogen spannt, ist dieselbe wie vorher, aber sie zittert nicht mehr.
Such dir heute eine einzige Sache aus, die du sonst um Gold tust, und tu sie so, als ginge es nur um ein paar Tonscherben. Achte dabei darauf, wie viel leichter sie dir von der Hand geht.
Das Dao handelt nie, und doch bleibt nichts ungetan.
— Laozi, Dàodéjīng, Kapitel 37 (um das 4. Jahrhundert v. Chr.)
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