Gan Cao — Süßholzwurzel
Gan Cao — die Süßholzwurzel — ist das am häufigsten verwendete Kraut der gesamten TCM. Ihr süßer Geschmack harmonisiert die Wirkung anderer Kräuter und mildert deren Nebenwirkungen. In der westlichen Welt ist sie vor allem als Lakritze bekannt.
Doch ihre medizinische Bedeutung reicht weit über den Genuss hinaus. Als Kraut der oberen Klasse im Shén Nóng Běn Cǎo Jīng gilt sie als sicher für die Langzeitanwendung — ein Vermittler und Friedensstifter unter den Arzneien.
Wirkung aus westlicher Sicht
Glycyrrhizin — der Hauptwirkstoff — zeigt in Studien bemerkenswerte pharmakologische Vielfalt. Die entzündungshemmenden, antiviralen und hepatoprotektiven Eigenschaften sind gut dokumentiert.
- Glycyrrhizin hemmt die Virusreplikation bei Hepatitis B und C
- 18β–Glycyrrhetinsäure wirkt entzündungshemmend über COX–2– und LOX–Hemmung
- Liquiritigenin zeigt selektiven Östrogenrezeptor–β–Agonismus — neuroprotektives Potenzial
- Hepatoprotektive Wirkung klinisch belegt bei chronischer Hepatitis
- Inhibition der 11β–HSD2 erklärt die Mineralocorticoid–Nebenwirkungen bei Überdosierung
- Isoliquiritigenin zeigt antitumorale Eigenschaften in präklinischen Studien
Wirkung aus TCM–Sicht
Gan Cao tonisiert das Milz–Qi, befeuchtet die Lunge und harmonisiert die Wirkung anderer Kräuter. Roh (Shēng Gān Cǎo) klärt es Hitze und entgiftet, zubereitet (Zhì Gān Cǎo) stärkt es das Qi der Mitte.
- Tonisiert das Milz–Qi und stärkt die Verdauung
- Befeuchtet die Lunge und stillt Husten (Rùn Fèi Zhǐ Ké)
- Klärt Hitze und entgiftet — besonders in roher Form
- Harmonisiert andere Kräuter und mildert deren Nebenwirkungen (Tiáo Hé)
- Lindert Schmerzen und Krämpfe, besonders mit Bai Shao
- Lindert Halsschmerzen und Schwellungen durch Hitze–Toxine
Anwendung & Dosierung
Die Standarddosis beträgt 3–10 g im Dekokt. Als Hauptkraut kann die Dosis auf bis zu 15 g erhöht werden. Die rohe Form (Sheng Gan Cao) wird für Hitze–Klärung und Entgiftung verwendet, die honigbehandelte Form (Zhi Gan Cao) für Qi–Tonisierung.
Gan Cao wird häufig in kleiner Dosis (2–3 g) als Harmonisierer anderen Rezepturen beigefügt. Bei Langzeitanwendung sollte die Dosis niedrig gehalten werden, um Nebenwirkungen durch Glycyrrhizin zu vermeiden.
Darreichungsformen
- Dekokt — die häufigste Form, 10–15 Min. mitkochen
- Granulat — 1–3 g pro Einnahme, 2–3× täglich
- Tabletten und Kapseln — 500–1000 mg standardisierter Extrakt
- Kautabletten — bei akuten Halsschmerzen langsam im Mund zergehen lassen
- Pulver — 1–2 g pro Einnahme, oft in Kombination mit anderen Kräutern
Dosierung
- Dekokt: 3–10 g (Standard), bis 15 g als Hauptkraut
- Granulat: 1–3 g pro Einnahme
- Pulver: 1–2 g pro Einnahme
- Extrakt: 500–1000 mg standardisiert
Häufige Kombinationspartner
Gan Cao entfaltet seine volle Wirkung oft erst in Kombination mit anderen Kräutern
Kombinationen & Formeln
- Ren Shen, Bai Zhu und Fu Ling als Si Jun Zi Tang — die grundlegende Qi–Formel, Fundament unzähliger Erweiterungsrezepturen seit der Song–Dynastie
- Bai Shao als Shao Yao Gan Cao Tang — eine brillante Zwei–Kräuter–Formel aus dem Shāng Hán Lùn gegen Muskelkrämpfe und Wadenschmerzen
- Jie Geng als Gegensatzpaar — Gan Cao senkt und harmonisiert, Jie Geng hebt und öffnet, zusammen behandeln sie Halsentzündungen
- Ban Xia und Sheng Jiang als Ban Xia Xie Xin Tang bei Magen–Darm–Beschwerden mit Hitze–Kälte–Mischung
- Als Harmonisierer in nahezu jeder klassischen Rezeptur — seine Fähigkeit, andere Kräuter zu verbinden und Toxizität zu mildern, ist einzigartig
Geschichte & Tradition
Gan Cao wird im Shén Nóng Běn Cǎo Jīng (ca. 200 v. Chr.) als Kraut der oberen Klasse geführt — eine Einstufung, die seine Ungiftigkeit und vielseitige Einsetzbarkeit unterstreicht. Bereits dort heißt es, Gan Cao harmonisiere alle Arzneien.
Tao Hongjing (456–536) nannte es den „Alten der Nationalversammlung" (Guó Lǎo) — ein Titel, der seine Rolle als weiser Vermittler unter den Kräutern beschreibt. In der Tang–Dynastie wurde es als „König der Kräuter" bezeichnet.
Zhang Zhongjing (ca. 150–219) verwendete Gan Cao in über 70 seiner Rezepturen im Shāng Hán Lùn und Jīn Guì Yào Lüè — mehr als jedes andere Einzelkraut. Diese Häufigkeit belegt seine zentrale Rolle in der Formulierungskunst der klassischen TCM.
In Europa war Süßholz seit der Antike bekannt — Theophrast und Dioskurides beschrieben seine Wirkung bei Husten und Magenerkrankungen. Die moderne Forschung bestätigte die entzündungshemmenden und antiviralen Eigenschaften und entdeckte die Mineralocorticoid–Wirkung als Erklärung für traditionelle Vorsichtsmaßnahmen.
Kontraindikationen & Vorsicht
Nicht bei Wassereinlagerungen oder Ödemen — Glycyrrhizin fördert die Natriumretention und kann Ödeme verschlimmern. Vorsicht bei Bluthochdruck und Hypokaliämie — die mineralocorticoide Wirkung kann den Blutdruck erhöhen und den Kaliumspiegel senken. Nicht langfristig in hohen Dosen (über 10 g/Tag) anwenden — Pseudo–Hyperaldosteronismus kann auftreten. Wechselwirkungen mit Diuretika (Kaliumverlust), Herzglykosiden (verstärkte Wirkung) und Corticosteroiden beachten. Klassische Inkompatibilität mit Gan Sui, Da Ji und Yuan Hua.
Botanik
Glycyrrhiza uralensis (und verwandte Arten G. glabra, G. inflata) gehört zur Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae). Es ist eine ausdauernde Staude, die 30–100 cm Höhe erreicht. Die Blätter sind unpaarig gefiedert mit 5–17 klebrigen, elliptischen Fiederblättchen. Die Blüten sind violett bis blass–blau und stehen in dichten Trauben.
Das medizinisch genutzte Rhizom und die Wurzeln sind lang, zylindrisch, außen braun und innen leuchtend gelb — der süße Geschmack ist 50× stärker als Rohrzucker. Die Pflanze bevorzugt trockene, sandige Böden und ist bemerkenswert widerstandsfähig gegen Dürre und Kälte.
Vorkommen
- Nordwest–China (Gansu, Ningxia, Innere Mongolei) — Hauptanbaugebiet
- Zentralasien (Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan)
- Steppen und Halbwüsten zwischen 500–2000 m Höhe
- Heute weltweit kultiviert, auch in Südeuropa und Nordamerika
Erntezeit
- September bis Oktober, im 3. oder 4. Wachstumsjahr
- Wurzeln mindestens 3 Jahre alt für optimalen Wirkstoffgehalt
- Ernte nach dem Absterben der oberirdischen Teile
Verarbeitung
Gan Cao wird in zwei Hauptformen verarbeitet — roh und honigbehandelt. Die Wahl der Form bestimmt die therapeutische Ausrichtung.
- Sheng Gan Cao (rohe Form) — für Hitze–Klärung und Entgiftung:
- Wurzeln waschen und in Scheiben schneiden
- An der Luft oder bei niedriger Temperatur trocknen
- Zhi Gan Cao (honigbehandelt) — für Qi–Tonisierung:
- Getrocknete Scheiben mit verdünntem Honig benetzen
- Langsam rösten, bis die Oberfläche goldbraun und nicht mehr klebrig ist
- Abkühlen lassen und trocken lagern
Verwandte Kräuter
Kräuter mit ähnlicher Wirkung und verwandten Einsatzgebieten
Vergleichbare westliche Kräuter
- Eibischwurzel (Althaea officinalis) — ebenfalls süß und schleimstoffreich, wird in der europäischen Phytotherapie bei Husten und Magenbeschwerden eingesetzt. Wirkt beruhigend auf gereizte Schleimhäute.
- Süßdolde (Myrrhis odorata) — süß schmeckendes Kraut der europäischen Tradition, das als Magenmittel und Harmonisierer in Kräutermischungen verwendet wird.
- Isländisch Moos (Cetraria islandica) — wird wie Gan Cao bei Husten und Halsschmerzen eingesetzt. Die Schleimstoffe beruhigen gereizte Atemwege und den Magen.








