Su Zi — Perilla–Samen

Qi absenken, Schleim lösen, Darm befeuchten

Su Zi — der Perillasamen — vereint zwei Talente in einem kleinen Korn: Er senkt rebellisches Lungen–Qi ab und löst gleichzeitig zähen Schleim. Diese absenkend–lösende Wirkung macht ihn zum Spezialisten, wenn Qi mit reichlich Schleim aufwärts drängt — besonders wenn sich das Qi im Liegen zusätzlich staut und ein wärmender Charakter gebraucht wird.

Perilla–Samen Perillae Fructus Su Zi

Geschmack Scharf
Temperatur Warm
Meridian Lunge, Dickdarm
Pflanzenteil Samen
Klasse Mittlere Klasse
Wirkrichtung Qi bewegend

Hilft bei Stagnation

Su Zi ist der Samen der Perilla–Pflanze (Perilla frutescens), deren Blätter (Su Ye) und Stängel (Su Geng) ebenfalls in der TCM verwendet werden. Der Samen wirkt eigenständig: Er senkt rebellisches Lungen–Qi ab, löst zähen Schleim und befeuchtet den Darm.

In einer berühmten klassischen Rezeptur ist er das Kaiser–Kraut bei rebellierendem Lungen–Qi mit kaltem Schleim im oberen und Nieren–Yang–Mangel im unteren Erwärmer. Das kaltgepresste Perillaöl ist zugleich einer der reichsten pflanzlichen Omega-3–Lieferanten.

Wirkung aus TCM–Sicht

  • Senkt rebellisches, nach oben drängendes Lungen–Qi ab — mit reichlich weißem, zähem Schleim
  • Transformiert und löst kalten Schleim im oberen Erwärmer
  • Bringt aufsässiges Qi zur Ruhe, das sich im Liegen verstärkt
  • Befeuchtet den Darm und fördert den Stuhlgang bei Trockenheit im Darm
  • Reguliert das Qi im mittleren Erwärmer und löst Fülle im Bauch
TCM–Anwendung: Su Zi

Anwendung & Dosierung

Su Zi wird im Dekokt am häufigsten eingesetzt — die Samen sollten vor dem Kochen leicht zerstoßen werden, damit die ätherischen Öle und Fettsäuren besser in das Dekokt übergehen. Als Pulver oder in Pillenform ist die Dosis entsprechend niedriger.

Chao Su Zi (geröstet) wird bevorzugt eingesetzt, wenn eine stärkere absenkende Wirkung auf das Magen–Qi erwünscht ist — das Rösten verstärkt die Qi–absenkende Komponente und macht den Samen bekömmlicher bei Magen–Schwäche. Das kaltgepresste Perillaöl aus den Samen ist nicht als TCM–Dekokt vorgesehen, sondern als Nahrungsergänzung für seinen hohen Omega-3–Gehalt.

Darreichungsformen

  • Dekokt (Sheng Su Zi, roh): Samen vor dem Kochen leicht zerstoßen — Standardanwendung in der klassischen TCM–Praxis
  • Chao Su Zi (geröstet): In der Pfanne ohne Öl geröstet bis aromatisch — stärkt die Qi–absenkende Wirkung auf den Magen, besser verträglich bei Milz–Schwäche
  • Granulat: Wasserextraktgranulat für bequeme Dosierung und schnelle Zubereitung — in der modernen TCM–Praxis weit verbreitet
  • Pulver (Mo): Fein gemahlene Samen — klassische Darreichungsform, oft in Pillenrezepturen eingearbeitet
  • Perilla–Öl (kaltgepresst): Aus den Samen kaltgepresstes Öl mit ~60 % Alpha–Linolensäure — primär als Nahrungsergänzung, nicht als TCM–Dekokt; in Japan als „Egoma–Öl“ bekannt

Dosierung

  • Dekokt: 3–10 g — Standardbereich; bei älteren Patienten oder Schwäche eher die untere Dosis wählen
  • Granulat: 1–3 g pro Einnahme (entspricht ca. dem 3–fachen als Rohdrogen–Äquivalent)
  • Pulver: 1–3 g pro Einnahme
  • Perilla–Öl: 1–2 Teelöffel täglich als Nahrungsergänzung (keine TCM–Dosierung)

Häufige Kombinationspartner

Su Zi entfaltet seine volle Wirkung oft erst in Kombination mit anderen Kräutern

Geschichte & Tradition

Die Perilla–Pflanze — auf Chinesisch Zǐ Sū (紫蘇), die „purpurne Wohltat“ — gehört zu den ältesten Kulturpflanzen Ostasiens. Ihre erste schriftliche Erwähnung als Mittel findet sich im Ming Yi Bie Lu (名醫別錄), dem „Ergänzungskatalog berühmter Ärzte“ aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. Dort beschrieb der Arzt Tao Hongjing ihre wärmenden und Qi–bewegenden Eigenschaften. Doch schon lange vor dieser Aufzeichnung war die Perilla fester Bestandteil der chinesischen und japanischen Küche — die Samen wurden gepresst für das goldgelbe, leicht nussige Perillaöl, das bis heute in Japan unter dem Namen „Egoma–Öl“ als besonderes Gesundheitsöl gilt.

Im klassischen Werk Bencao Gangmu (本草綱目) des Universalgelehrten Li Shizhen (1578 n. Chr.) erhielt Su Zi seinen festen Platz als eigenständiges Mittel — getrennt von den Blättern Su Ye und dem Stängel Su Geng. Li Shizhen beschrieb präzise seinen Weg über die Lunge, seine absenkende Wirkung auf das rebellische Qi und seine Fähigkeit, den Darm zu befeuchten. Diese Differenzierung der drei Pflanzenteile — jeder mit eigener Wirkrichtung — ist ein Meisterstück der klassischen chinesischen Pharmakognosie und zeigt, wie genau die alten Ärzte die Natur beobachtet hatten.

Besondere Berühmtheit erlangte Su Zi als Kaiser–Kraut einer Rezeptur aus dem Tai Ping Hui Min He Ji Ju Fang (11. Jahrhundert), die das Qi absenkt. Diese Formel richtet sich auf das komplexe Muster von Schleim im oberen Erwärmer und Nieren–Yang–Mangel im unteren Erwärmer und gilt bis heute als eine der elegantesten Rezepturen der klassischen Medizin. Ebenso bekannt ist Su Zi als ein Drittel einer schlichten, aber wirkungsvollen Formel aus dem 16. Jahrhundert, die liebevoll zur Stärkung geschwächter älterer Menschen entwickelt wurde.

In Japan ist die Perilla–Pflanze als Shiso tief in der Esskultur verwurzelt: Die gefiederten Blätter begleiten Sashimi, die Samen würzen Nudelgerichte, und das Öl wird als Gesundheitsöl geschätzt. Heute erlebt Su Zi auch im Westen eine Renaissance — als Gewürzpflanze in der Gourmetküche und als Lieferant von Alpha–Linolensäure, dem pflanzlichen Omega–3. Was die alten Meister der TCM intuitiv erkannten, bestätigt nun die moderne Forschung: Dieser kleine Samen enthält eine außerordentliche Inhaltsstoffdichte.

Kontraindikationen & Vorsicht

  • Yin–Mangel mit trockenem Husten: Su Zi ist warm und absenkend — bei unproduktivem, trockenem Husten durch Lungen–Yin–Mangel oder Nieren–Yin–Mangel nicht geeignet, da er die Trockenheit verstärken kann.
  • Lockerer Stuhl / Durchfallneigung: Su Zi befeuchtet den Darm und gleitet nach unten — bei Milz–Qi–Schwäche mit weichem Stuhl oder langandauernder Diarrhö mit Vorsicht einsetzen oder meiden.
  • Lungen–Hitze mit gelbem Schleim: Su Zi ist ein warmes Kraut und wirkt bei kaltem Schleim. Bei Hitze–Schleim (gelber, zäher Schleim, Fieber, Durstgefühl) sind kühlende Kräuter wie Zhe Bei Mu oder Huang Qin angezeigt.
  • Allgemeine Schwäche ohne Schleim: Bei Qi–Mangel–Husten ohne Schleimbefund sollte Su Zi nicht alleine eingesetzt werden — seine absenkende Wirkung kann erschöpftes Qi weiter nach unten ziehen.
  • Allergie gegen Lippenblütler (Lamiaceae): Perilla gehört zur Familie der Lippenblütler — Personen mit bekannter Kreuzallergie auf Basilikum, Minze, Oregano oder andere Lamiaceae sollten Su Zi meiden. Bitte bei Pflanzenallergien ärztlich abklären.
  • Antikoagulanzien / Blutgerinnungshemmung: Der hohe Gehalt an Alpha–Linolensäure (~60 % im Perillaöl) kann die Thrombozytenaggregation hemmen. Bei gleichzeitiger Einnahme von Antikoagulanzien (z. B. Marcumar, Apixaban) oder Thrombozytenaggregationshemmern (z. B. ASS) ärztliche Rücksprache empfohlen.
Pflanzenfoto: Su Zi

Botanik

Perilla frutescens ist eine einjährige Krautpflanze aus der Familie der Lippenblütler (Lamiaceae) und erreicht eine Wuchshöhe von 50–150 cm. Der Stängel ist charakteristisch vierkantig — ein Merkmal aller Lamiaceae — und weich behaart. Die gegenständig angeordneten Blätter sind breit eiförmig bis herzförmig, gesägt gerandet und stark aromatisch; je nach Varietät leuchtend grün oder tief purpurrot gefärbt. Beim Zerreiben verströmen sie einen unverwechselbar würzigen, leicht anisartigen Duft.

Die Blüten erscheinen in dichten, einseitswendigen Scheinähren und sind klein, weiß bis blasslila. Aus ihnen entwickeln sich die Früchte — vier kugelige, netzartig gemusterte Nüsschen (Klausen), die im Volksmund als „Samen“ bezeichnet werden und das pharmazeutisch genutzte Pflanzenteil darstellen. Die Pflanze bevorzugt sonnige, feuchte Standorte mit nährstoffreichem Boden und verbreitet sich durch Selbstaussaat leicht.

Vorkommen

  • Ursprung Ostasien: Heimisch in China, Japan und Korea; seit Jahrtausenden in der Region kultiviert und als Heil– und Gewürzpflanze genutzt.
  • Hauptanbaugebiete China: Provinzen Jiangsu, Henan und Shandong sind die bedeutendsten Produktionsregionen für Su Zi als Kräutermittel.
  • Japan — „Shiso“: In Japan unter dem Namen Shiso (紫蘇) tief in der Esskultur verwurzelt; Blätter, Samen und Öl (Egoma–Öl) werden gleichermaßen genutzt.
  • Korea — „Kkaennip“: In der koreanischen Küche als Ssam–Blatt und eingelegtes Gemüse (Kkaennip–Kimchi) beliebt.
  • Weltweit kultiviert: Heute auch in Südostasien, Indien, den USA und Europa angebaut — sowohl als Gewürzpflanze als auch als Quelle für Perillaöl.
  • Gartenpflanze: In gemäßigten Klimazonen problemlos als einjährige Sommerkultur zu ziehen; erhältlich in grün– und rotblättrigen Sorten.

Erntezeit

  • Haupterntezeit: Herbst (September–Oktober) — wenn die Samen vollständig ausgereift und braun gefärbt sind, aber noch nicht aus den Fruchthüllen gefallen sind
  • Erntereife erkennen: Die Scheinähren trocknen ab, die kleinen kugeligen Klausen verfärben sich von grün zu hellbraun bis dunkelbraun und sind fest
  • Erntemethode: Ganzen Stängel mit reifen Fruchtständen abschneiden oder die Scheinähren einzeln abstreifen
  • Trocknung: Ganze Pflanzenstängel gebündelt kopfüber an einem luftigen, schattigen Ort trocknen lassen — die Samen fallen beim Trocknen aus den Hüllen und werden auf einem Tuch aufgefangen
  • Wildvorkommen vs. Anbau: Im Anbau (vor allem in Jiangsu, Henan, Shandong) werden die Pflanzen einheitlicher und ertragreicher geerntet als aus Wildbeständen

Verarbeitung

Su Zi durchläuft nach der Ernte eine sorgfältige Aufbereitung, die je nach gewünschter Darreichungsform variiert. In der klassischen TCM werden zwei Verarbeitungsstufen unterschieden: Sheng Su Zi (roh, ungekocht) für die direkte Dekoktzubereitung und Chao Su Zi (geröstet) für eine verstärkte Qi–absenkende Wirkung auf den Magen.

  • Sheng Su Zi (rohe Verarbeitung) — Grundverarbeitung:
    1. Geerntete Stängel mit Fruchtständen an der Luft vollständig trocknen
    2. Durch Dreschen (Schlagen oder Reiben) die Samen aus den Fruchthüllen lösen
    3. Sieben und Windsichten zur Trennung von Spelzen, Stängelresten und tauben Samen
    4. Nochmals an der Luft trocknen bis zur vollständigen Wasserfreiheit (Restfeuchte <8 %)
    5. In dicht schließenden Behältern kühl und dunkel lagern (das Öl in den Samen ranzt bei Wärme und Licht)
  • Chao Su Zi (Röstverarbeitung) — für stärkere Magen–Qi–Absenkung:
    1. Gereinigte Sheng Su Zi–Samen in einem trockenen Wok bei mittlerer Hitze ohne Fett erhitzen
    2. Unter ständigem Rühren rösten, bis die Samen leicht aufplatzen und ein aromatisch–nussiger Duft aufsteigt
    3. Farbe der Samen wechselt von hellbraun zu mittelbraun — nie dunkelbraun rösten
    4. Sofort aus dem Wok nehmen und auf einer flachen Unterlage abkühlen lassen
    5. Nach dem Abkühlen in luftdichten Behältern lagern und zügig verbrauchen
  • Perillaöl–Herstellung (kaltgepresst):

    Für die Ölgewinnung werden die gereinigten, getrockneten Samen kaltgepresst (maximal 40 °C) — so bleiben die hitzeempfindlichen Omega-3–Fettsäuren und Polyphenole erhalten. Das rohe Öl wird anschließend filtriert und in dunklen Flaschen lichtgeschützt abgefüllt. In Japan (Egoma–Öl) und Korea ist diese Verarbeitungsform besonders etabliert.

Verwandte Kräuter

Kräuter mit ähnlicher Wirkung und verwandten Einsatzgebieten