Sang Bai Pi — Maulbeerwurzel–Rinde
Sang Bai Pi — die weiße Wurzelrinde des Maulbeerbaums (Morus alba) — ist ein klassisches Kraut, um Lungen–Hitze mit rebellierendem Qi zu klären. Mit seiner kalten, süßen Natur senkt es aufsteigendes Lungen–Qi ab und klärt Hitze aus der Lunge.
Zusätzlich fördert es die Harnausscheidung, wenn Wasser unter der Haut staut, und ist das Hauptkraut der klassischen Standardrezeptur bei Lungen–Hitze mit Keuchen.
Wirkung aus TCM–Sicht
Sang Bai Pi ist ein kühlendes, absenkend wirkendes Kraut, das vor allem auf die Lunge zielt. Es klärt Hitze aus der Lunge und stellt die absenkende Funktion des Lungen–Qi wieder her.
- Klärt Lungen–Hitze: Beseitigt Hitze–Muster in der Lunge mit gelbem, zähem Schleim, Durst und Hitzegefühl in der Brust.
- Senkt Lungen–Qi ab: Zügelt aufsteigendes, rebellierendes Qi mit rasselndem, keuchendem Atem — besonders bei Hitze im Lungen–Qi.
- Fördert die Harnausscheidung: Öffnet die Wasserwege über die Lunge und löst gestaute Feuchtigkeit — besonders im Gesicht und um die Augen bei gestörter Lungen–Funktion.
- Reguliert den Wasserhaushalt: Unterstützt die Lunge in ihrer Funktion als „oberer Wasserregulator", und leitet überschüssige Flüssigkeit nach unten ab.
Anwendung & Dosierung
Die Standarddosis beträgt 6–12 g im Dekokt. Bei akuter Lungen–Hitze wird die rohe Form verwendet, bei lang anhaltender Lungen–Trockenheit die honiggebratene Variante (Mì Zhì Sang Bai Pi), die milder und befeuchtender wirkt.
Als Pulver werden 2–3 g pro Einnahme empfohlen. Die Rinde sollte 20–30 Min. gekocht werden, um die Inhaltsstoffe vollständig zu lösen.
Darreichungsformen
- Dekokt: Die gebräuchlichste Form — 6–12 g der getrockneten Rinde in 500 ml Wasser 20–30 Min. kochen.
- Honiggebraten (Mì Zhì): Bevorzugt bei anhaltender Lungen–Trockenheit mit rebellierendem Lungen–Qi — das Honig–Rösten mildert die kalte Natur und stärkt die befeuchtende Wirkung.
- Pulver: 2–3 g pro Einnahme, mit warmem Wasser eingenommen.
- Granulat: Konzentriertes Extrakt zur einfachen Dosierung in der modernen Praxis.
Dosierung
- Dekokt (roh): 6–12 g
- Dekokt (honiggebraten): 6–12 g
- Pulver: 2–3 g pro Einnahme
- Granulat: nach Herstellerangabe
Häufige Kombinationspartner
Sang Bai Pi entfaltet seine volle Wirkung oft erst in Kombination mit anderen Kräutern
Geschichte & Tradition
Sang Bai Pi wird bereits im Shén Nóng Běn Cǎo Jīng — dem ältesten chinesischen Kräuterbuch — als Kraut der mittleren Klasse geführt. Diese Einstufung bedeutet, dass es sowohl kraftvoll in seiner Wirkung als auch bei sachgemäßer Anwendung sicher ist. Der Maulbeerbaum — Sāng (桑) — hat in der chinesischen Kultur eine jahrtausendealte Bedeutung als Seidenraupen–Futterpflanze und Kräuterlieferant.
Bemerkenswert ist, dass fast alle Teile des Maulbeerbaums medizinisch genutzt werden: die Wurzelrinde (Sang Bai Pi), die Blätter (Sang Ye), die Zweige (Sang Zhi), die Früchte (Sang Shen) und sogar der Parasit auf dem Baum (Sang Ji Sheng). Diese umfassende Nutzung ist in der chinesischen Materia Medica nahezu einzigartig und spiegelt die tiefe Verbindung zwischen Seidenkultur und Heilkunde wider.
Im Běn Cǎo Gāng Mù von Li Shizhen (1578) wird Sang Bai Pi ausführlich beschrieben. Li Shizhen betont die Wichtigkeit, nur die innere weiße Rinde zu verwenden und die äußere gelbliche Korkschicht sorgfältig zu entfernen — daher der Name Bái Pí (weiße Rinde). Er beschreibt ihre Wirkung, wenn das Lungen–Qi rebelliert und nicht absinkt, sowie bei gestauter Feuchtigkeit unter der Haut und aufsteigender Hitze.
Die honiggebratene Form (Mì Zhì Sang Bai Pi) entwickelte sich als eigenständige Zubereitungsmethode, um die stark kühlende Natur der rohen Rinde abzumildern. Bei langdauerndem, rebellierendem Lungen–Qi mit Yin–Mangel und Trockenheit wirkt die honiggebratene Variante befeuchtender und schonender für den Magen. Diese Unterscheidung zwischen roher und verarbeiteter Form zeigt die Differenziertheit der traditionellen chinesischen Pharmazie.
Kontraindikationen & Vorsicht
Nicht anwenden bei Husten durch Lungen–Kälte oder Wind–Kälte — die kalte Natur würde die Situation verschlimmern. Vorsicht bei Lungen–Qi–Mangel mit langandauerndem, kraftlosem Husten ohne Hitzezeichen. Bei ausgeprägter Milz–Schwäche mit Ödemen zunächst die Mitte stärken. Langfristige Anwendung hoher Dosen kann die Verdauung belasten.
Wechselwirkungen: Sang Bai Pi kann die Wirkung von Antihypertensiva und Diuretika verstärken — bei gleichzeitiger Einnahme engmaschig Blutdruck und Elektrolyte kontrollieren. Die antihyperglykämischen Eigenschaften erfordern bei Diabetikern unter Medikation eine Überwachung des Blutzuckerspiegels.
Botanik
Morus alba L. (Moraceae) ist ein sommergrüner Laubbaum, der Wuchshöhen von 10–15 m erreicht. Die wechselständigen Blätter sind breit–eiförmig, oft gelappt, mit gesägtem Rand. Die unscheinbaren Blüten erscheinen in hängenden Kätzchen, die Scheinfrüchte reifen im Frühsommer zu süßen, weißlich bis dunkelvioletten Maulbeeren heran.
Zur Verwendung wird die Wurzelrinde im Spätherbst oder Winter ausgegraben, die äußere gelb–braune Korkschicht sorgfältig abgeschabt und die innere weiße Rinde getrocknet. Die Qualität gilt als gut, wenn die Rinde dick, weiß und faserig ist — daher der Name Bái Pí (weiße Rinde).
Vorkommen
- China: Seit Jahrtausenden in den Seidenanbaugebieten kultiviert — besonders in Zhejiang, Jiangsu, Sichuan und Anhui
- Zentralasien: Ursprüngliche Heimat der Art, verbreitet in Iran, Afghanistan und den zentralasiatischen Republiken
- Europa: Seit der Antike im Mittelmeerraum eingebürgert, in Mitteleuropa als Zierbaum und in Südeuropa zur Seidenraupenzucht gepflanzt
- Nordamerika: Als Zierbaum eingeführt, stellenweise verwildert
Erntezeit
- Spätherbst bis Winter: Die Wurzeln werden nach dem Laubfall ausgegraben, wenn die Säfte in die Wurzel zurückgezogen sind und der Inhaltsstoffgehalt am höchsten ist.
- Optimaler Zeitpunkt: November bis Februar — nach dem ersten Frost, wenn der Baum in der Ruhephase ist.
- Baumauswahl: Bevorzugt werden Bäume, die mindestens 3–5 Jahre alt sind, da jüngere Bäume dünnere Rinden mit geringerem Inhaltsstoffgehalt liefern.
Verarbeitung
Die Verarbeitung von Sang Bai Pi erfordert Sorgfalt, um die innere weiße Rinde von der äußeren Korkschicht zu trennen und die gewünschte Drogenqualität zu erzielen.
- Rohe Verarbeitung (Shēng Sang Bai Pi):
- Die ausgegrabenen Wurzeln gründlich waschen und von Erde befreien.
- Die äußere gelb–braune Korkschicht mit einem Messer sorgfältig abschaben.
- Die verbleibende weiße innere Rinde in Streifen oder Stücke schneiden.
- An der Luft oder bei niedriger Temperatur trocknen, bis die Rinde spröde bricht.
- Honig–Röstung (Mì Zhì Sang Bai Pi):
- Die getrocknete Rinde mit verdünntem Honig (Honig–Wasser–Verhältnis ca. 1:3) gleichmäßig benetzen.
- Die benetzte Rinde ziehen lassen, bis der Honig eingezogen ist.
- In einem Wok bei mittlerer Hitze unter ständigem Rühren rösten, bis die Rinde goldgelb und nicht mehr klebrig ist.
- Abkühlen lassen und trocken lagern.
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