Gao Cao — Süßholzwurzel
Gao Cao — die Süßholzwurzel — ist eines der am häufigsten verwendeten Kräuter der gesamten TCM. Als „Großer Vermittler" harmonisiert sie andere Kräuter, mildert Toxizität und stärkt die Mitte.
Kaum eine klassische Rezeptur kommt ohne sie aus — sie ist der universelle Bote und Friedensstifter unter den Arzneien. Honigbehandelt (Zhi Gan Cao) stärkt sie das Qi, roh (Sheng Gan Cao) klärt sie Hitze und entgiftet.
Wirkung aus westlicher Sicht
Glycyrrhizin — der Hauptwirkstoff — zeigt antiinflammatorische, antivirale und hepatoprotektive Eigenschaften. Studien belegen vielfältige pharmakologische Wirkungen.
- Glycyrrhizin hemmt die Virusreplikation bei Hepatitis und respiratorischen Infekten
- Liquiritin wirkt spasmolytisch auf die glatte Muskulatur
- Hepatoprotektive Wirkung klinisch belegt bei Magenulzera und chronischer Hepatitis
- Schleimhautschützende Eigenschaften im Magen–Darm–Trakt
- Achtung: Glycyrrhizin kann bei Überdosierung den Mineralocorticoid–Stoffwechsel beeinflussen (Pseudoaldosteronismus)
Wirkung aus TCM–Sicht
Gao Cao tonisiert das Milz–Qi und befeuchtet die Lunge. Es klärt Hitze und entgiftet, lindert Schmerzen und Krämpfe. Seine wichtigste Funktion ist die Harmonisierung anderer Kräuter in einer Rezeptur.
- Tonisiert das Milz–Qi und stärkt die Verdauungskraft
- Befeuchtet die Lunge und stillt Husten
- Klärt Hitze und entgiftet in roher Form (Sheng Gan Cao)
- Harmonisiert die Wirkung anderer Kräuter und mildert Nebenwirkungen
- Lindert Bauchkrämpfe und Muskelschmerzen, besonders mit Bai Shao
- Stärkt das Qi der Mitte in honigbehandelter Form (Zhi Gan Cao)
Anwendung & Dosierung
Die Standarddosis beträgt 2–10 g im Dekokt. In kleiner Dosis (2–3 g) wird es als Harmonisierer eingesetzt, in höherer Dosis (6–10 g) als Hauptkraut zur Qi–Tonisierung. Die honigbehandelte Form (Zhi Gan Cao) wird für Tonisierung bevorzugt.
Roh (Sheng Gan Cao) wird es bei Hitze–Klärung und Entgiftung verwendet. Bei Langzeitanwendung ist die Dosis niedrig zu halten, um Mineralocorticoid–Nebenwirkungen zu vermeiden.
Darreichungsformen
- Dekokt — die häufigste Anwendungsform
- Granulat — praktisch für den Alltag
- Tabletten und Kapseln — standardisierte Extrakte
- Sirup — bei Husten und Halsbeschwerden
- Kautabletten — bei akuten Halsschmerzen
Dosierung
- Dekokt: 2–10 g (Standard)
- Als Harmonisierer: 2–3 g
- Granulat: 1–3 g pro Einnahme
- Extrakt: 250–500 mg standardisiert
Häufige Kombinationspartner
Gao Cao entfaltet seine volle Wirkung oft erst in Kombination mit anderen Kräutern
Kombinationen & Formeln
- Ren Shen, Bai Zhu e Fu Ling als Si Jun Zi Tang — die grundlegende Rezeptur zur Stärkung des Milz–Qi
- Bai Shao als Shao Yao Gan Cao Tang — lindert Bauchkrämpfe und Muskelschmerzen durch Harmonisierung von Leber und Milz
- Jie Geng zur Leitfunktion — leitet Wirkstoffe in die obere Körperhälfte und zur Lunge
- Huang Qi e Dang Shen zur verstärkten Qi–Tonisierung bei chronischer Erschöpfung
Geschichte & Tradition
Gan Cao (auch als Gao Cao bekannt) gehört zur oberen Klasse des Shén Nóng Běn Cǎo Jīng und wird dort als „König der Kräuter" gepriesen. Der Name 甘草 bedeutet „süßes Kraut" — eine Anspielung auf den charakteristischen, intensiv süßen Geschmack, der 50× stärker als Rohrzucker ist.
Zhang Zhongjing verwendet Gan Cao in über zwei Dritteln seiner Rezepturen im Shāng Hán Lùn. Li Shizhen widmet ihm im Běn Cǎo Gāng Mù ein ausführliches Kapitel und betont seine Fähigkeit, alle zwölf Leitbahnen zu erreichen und die Wirkung anderer Kräuter zu harmonisieren.
In der europäischen Tradition war Süßholz seit der Antike bekannt — griechische und römische Ärzte setzten es bei Husten, Durst und Magenbeschwerden ein. Bereits die Skythen kauten Süßholzwurzel auf langen Wüstenmärschen gegen den Durst.
Die moderne Forschung entdeckte die Mineralocorticoid–Wirkung von Glycyrrhizin und lieferte damit eine wissenschaftliche Erklärung für die traditionelle Warnung vor übermäßigem Gebrauch — ein beeindruckendes Beispiel für die Weitsicht der alten Ärzte.
Kontraindikationen & Vorsicht
Nicht bei Wassereinlagerungen (Ödemen), Bluthochdruck oder Hypokaliämie. Vorsicht bei gleichzeitiger Einnahme von Diuretika oder Herzglykosiden. Langfristige Hochdosierung kann Pseudoaldosteronismus verursachen. Nicht mit Hai Zao, Da Ji, Yuan Hua und Gan Sui kombinieren — klassische Inkompatibilität seit dem Shén Nóng Běn Cǎo Jīng. Bei Schwangerschaft ärztliche Rücksprache empfohlen.
Botanik
Glycyrrhiza uralensis (auch G. glabra und G. inflata) ist eine mehrjährige Staude aus der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae), die 30–100 cm hoch wird. Die gefiederten Blätter tragen 5–17 elliptische Fiederblättchen mit klebrigen Drüsenhaaren. Die kleinen violetten Schmetterlingsblüten stehen in lockeren Trauben.
Die Wurzel — der medizinisch genutzte Pflanzenteil — ist lang, zylindrisch, außen braun und innen leuchtend gelb. Sie enthält bis zu 12 % Glycyrrhizin, das für den charakteristisch süßen Geschmack verantwortlich ist. Die Pflanze bevorzugt trockene, sandige Böden und toleriert Dürre und Kälte bemerkenswert gut.
Vorkommen
- Steppen und Halbwüsten Nordchinas (Gansu, Ningxia, Innere Mongolei)
- Mongolei und Zentralasien (Kasachstan, Usbekistan)
- Mittelmeerraum — G. glabra als europäische Art
- Heute weltweit kultiviert für pharmazeutische und Lebensmittelindustrie
Erntezeit
- Herbst (September–Oktober), nach 3–4 Jahren Wachstum
- Wurzeln werden ausgegraben, gewaschen und in Stücke geschnitten
- Trocknung an der Luft oder bei niedriger Temperatur
Verarbeitung
Gao Cao wird in zwei therapeutisch unterschiedlichen Formen verarbeitet.
- Sheng Gan Cao (rohe Form) — für Hitze–Klärung und Entgiftung:
- Wurzeln waschen, äußere Fasern entfernen
- In Scheiben schneiden und trocknen
- Zhi Gan Cao (honigbehandelt) — für Qi–Tonisierung:
- Getrocknete Scheiben mit verdünntem Honig benetzen
- Bei mittlerer Hitze rösten, bis die Oberfläche goldbraun wird
- Abkühlen und trocken lagern
Verwandte Kräuter
Kräuter mit ähnlicher Wirkung und verwandten Einsatzgebieten
Vergleichbare westliche Kräuter
- Eibischwurzel (Althaea officinalis) — süß und schleimstoffreich, wird in der europäischen Phytotherapie bei Husten, Heiserkeit und Magenbeschwerden eingesetzt. Beruhigt gereizte Schleimhäute ähnlich wie Gan Cao.
- Kamille (Matricaria chamomilla) — ebenfalls ein harmonisierender „Allrounder" der europäischen Kräutermedizin. Wirkt entzündungshemmend, krampflösend und beruhigend auf den Magen–Darm–Trakt.
- Finocchio (Foeniculum vulgare) — süßes, mildes Kraut mit karminativer und krampflösender Wirkung, das wie Gan Cao häufig als harmonisierende Komponente in Kräutermischungen verwendet wird.








